oder: die Rache des Rotwild-Carpaccios

von Jana Fink

Urlaub ist toll! Die Seele baumeln lassen, Akkus aufladen und einfach mal den Alltag und die Arbeit beiseiteschieben. So gestaltet sich das zumindest bei den meisten Festangestellten. Als Freiberufler oder Selbstständiger sieht das oft etwas anders aus. Klar, machen die in den schönsten Wochen des Jahres nur das Nötigste, aber sich ganz aus dem Geschäft herauszuziehen – das machen vermutlich nur die wenigsten. Versuchen Kunden beziehungsweise Auftraggeber sie zu erreichen, wollen sie zumindest kurz reagieren. Umso wichtiger ist es, für alle Eventualitäten irgendwie erreichbar zu sein. Das gilt nochmal zusätzlich, wenn sich der Selbstständige trotz Urlaubs dazu entschlossen hat, noch ein kleines bisschen seiner Arbeit vor Ort zu erledigen. In meinem Fall jedenfalls war das so. Das neue Audiomagazin für den eco-Verband stand an und ich brauchte noch zwei Interviews. Aber die könnte ich entspannt via VoIP aufzeichnen, um sie dann nach meiner Rückkehr zu schneiden. Wie man sich täuschen kann.



Unser Familienurlaub führte uns in diesem Jahr auf die wunderschöne Ferieninsel Amrum. Strand, Meer, viel Natur und immer wieder eine steife Brise, die den Kopf freipustet. Meine liebe Schwiegermama spricht gerne von einem gewissen Reizklima. Und das stellte sich zumindest bei mir bereits kurz nach meiner Ankunft im Ferienort ein. Alles da, was man braucht … bis auf ein mobiles Netz oder sogar WLAN. Unser Haus verfügte über keins und die Behauptung meines iPhones, dass ich im Ort überall zumindest 3G empfangen könne, war schlichtweg gelogen. Alle Nase lang hatte ich für wenige Minuten so etwas Ähnliches wie Kontakt zur digitalen Welt, aber der erinnerte mich schmerzlich an die 1990er und das Internet in Zeiten des Modems. Irgendwann entdeckte ich, dass man zu gewissen Tageszeiten auf dem Dachboden unseres Ferienhauses tatsächlich LTE-Empfang hat – allerdings außerhalb der Stoßzeiten von 8 bis 13 und 14 bis 22 Uhr. Sobald nämlich mehr als zehn Menschen auf Amrum – so zumindest sah mein Kopfkino aus – online gingen, ging auch mein Netz wieder baden. Auch hier konnte ich also ein anständiges Arbeiten vergessen – von VoIP-Aufnahmen ganz zu schweigen.



WLAN in Sicht

Meine Lösung war zum Glück nur fünf Gehminuten entfernt. Im Touristikzentrum in Norddorf gab es gegen Vorlage der Kurkarte einen WLAN-Code, der sogar fast immer funktionierte. Gut, von High-Speed-Internet war ich auch hier weit entfernt, aber das Glücksgefühl, wenn sich auf dem Laptop langsam aber zuverlässig eine Internetseite aufbaute, war unbeschreiblich. Also Netz hatte ich hier schon mal – und einen rund um die Uhr geöffneten Lesesaal auch. Meinen beiden Telefoninterviews, die ich mittlerweile zwischenstoßzeitlich terminiert hatte, sodass ich auf ausreichend Netzempfang für eine anständige Sprachqualität hoffen konnte, stand also formal nichts mehr im Weg. Bis auf das Schild an der Tür zum Lesesaal: „Bitte skypen Sie nur, wenn der Lesesaal leer ist“. 


Am Tag meiner Interviews regnete es in Strömen bei 13 Grad … Noch Fragen, was den Füllstand des Lesesaals angeht? Nein? Gut!



Zehn Minuten vor meinem ersten Interview setzte ich also mein freundlichstes Lächeln auf und machte im Saal die Runde, fragte jeden anwesenden Amrum-Urlauber, ob es ok sei, wenn ich mal ein 15-minütiges Telefoninterview im Raum führen würde und erntete nette Blicke und ein verständnisvolles Kopfnicken. Aber dann kam SIE … Frau Rotwild-Carpaccio!



Frau Rotwild-Carpaccio

Drei Abende zuvor hatte ich mit meinem Mann meinen Geburtstag im nahegelegenen Hotelrestaurant gefeiert. Es gab einen fantastischen Salat mit Riesengarnelen, Steak und dazu leckere Cocktails. SIE und ihr Mann speisten einen Tisch weiter. Sie hatte ein Rotwild-Carpaccio bestellt, er ein Porterhouse-Steak. Damit begann allerdings das Dilemma. Er ließ das Porterhouse-Steak zurückgehen, da es einen Knochen und einen Fettrand hatte, sie bemängelte beim Chef ihr Rotwild-Carpaccio („Das ist kein Rotwild-Carpaccio. Das ist nicht rot.“ „Sehr geehrte Dame. Ich habe dieses Rotwild selbst geschossen.“ „Ich weiß nicht, was Sie da geschossen haben, aber das ist kein Rotwild, sondern meines Erachtens eine Färse. Das Carpaccio ist nicht rot.“ „Ich fürchte, ich muss Ihnen widersprechen.“ „Können Sie – aber dieses Carpaccio esse ich nicht.“)

Dass die Dame ihr Carpaccio trotzdem bezahlen musste, trug nicht unbedingt zur guten Laune am Nachbartisch bei. Ganz im Gegensatz zu der an unserem Tisch – möglicherweise waren daran ein paar gut gemixte Drinks nicht ganz unschuldig. Als die völlig verzweifelte Kellnerin nach der harten Kritik von nebenan („Es geht mir nicht ums Geld. Ich finde es einfach eine Unverschämtheit, wie sie Ihren Gästen ein angebliches Rotwild-Carpaccio unterjubeln und sie dann noch dafür zahlen lassen. Dieses Carpaccio war nicht ROHOOOOT!“) zu uns kam, bedankte ich mich überschwänglich und recht lautstark bei ihr mit den Worten: „Mein Salat war wirklich fantastisch. Und Sie haben wirklich nicht zu viel versprochen: Die Riesengarnelen waren wirklich riiiiieeeesig. Die hat Ihr Chef doch sicher auch selbst gefangen.“ Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube Frau Rotwild-Carpaccio und Herr Porterhouse-Steak fanden das nicht ganz so witzig wie ich …



Wiedersehen im Lesesaal

Auf jeden Fall blickte ich jetzt in die stechenden und mich leider wiedererkennenden Augen von Frau Rotwild-Carpaccio und erhielt auch gleich die Quittung für meine große Klappe.
Sie: „Ich finde es eine Unverschämtheit, dass Sie hier die Gäste mit Ihren persönlichen Problemen angehen.“


Ich: „Ich glaube, hier fühlt sich niemand belästigt. Sie haben doch gehört …“


Sie: „Ja. Aber ICH fühle mich belästigt. ICH habe Urlaub und ICH möchte hier in Ruhe lesen und nicht von Ihnen gestört werden. Und wenn SIE meinen, in Ihrem Urlaub arbeiten zu müssen, dann suchen SIE sich dafür bitte einen anderen Ort!“ 


So sprach sie und tippte weiter auf ihrem Smartphone herum. Den Hinweis, sie könne ja mal nach „Rotwild-Carpaccio“ googeln, verkniff ich mir dann doch lieber … Rache ist offenbar doch süß, aber in dem Fall auch extrem billig.



Zehn Minuten später saß ich dann im Treppenhaus neben dem Lesesaal. Alle halbe Minute wurde die Tür gedonnert, Menschen stiegen an mir vorbei, es war zugig, den Laptop balancierte ich auf meinen Knien, das Headset hatte ich über den Kopf gestülpt … Aber das Wichtigste war: Ich hatte eine Netzverbindung, ich hatte einen entspannten, tollen Interviewpartner, der mit mir über die Gesamtsituation lachen konnte und ich hatte zum Schluss tolles Material für den Podcast. Und wenige Stunden später strahlte über Amrum die Sonne, der Lesesaal war leer (Frau Rotwild-Carpaccio hatte sich vermutlich entschlossen, woanders ihr Gift zu versprühen. Vielleicht hatte sie gerade den Eisverkäufer in der Mangel mit den Worten „Das ist sicher kein Schlumpfeis – da sind keine Schlümpfe drin“ …). Ich hatte das Netz, Ruhe zum Aufzeichnen, einen Arbeitsplatz und einen weiteren tollen Interviewpartner sowie die Erkenntnis: Wenn man digitale Inhalte fürs Netz produziert, ist die Anwesenheit einer Netzanbindung durchaus vorteilhaft. Selbst, wenn man sich dafür was einfallen lassen muss. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Und man hat später etwas zu erzählen.



Übrigens – liebe potenzielle Amrum-Urlauber und Netz-Junkies: An der Spitze der Odde, dem zwei Kilometer langen Dünengürtel am nördlichsten Ende der Insel hat man zuweilen fantastischen Empfang und einen grandiosen Blick. Man sollte nur aufpassen, dass einem das Smartphone nicht in den Sand fällt – wenn sich nämlich ein Sandkorn in den Lightning-Anschluss verirrt, könnte das die Ladefunktion erheblich beeinträchtigen. Und ohne Smartphone oft kein mobiles Netz und kein mobiles Arbeiten … Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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