von Jana Fink


Podcasten ist doch das, wo jedes Lieschen Müller meint, Radio machen zu können und am Ende entsteht ein „Beitrag“ in – wenn es gut läuft – mittelmäßiger Hörqualität zu einem Thema, das den Großteil der Welt nicht interessiert. Trotzdem habe ich Podcasts für mich entdeckt – sowohl als Hörer als auch Macher. Und das obwohl ich aus der professionellen Radiowelt komme, oder gerade deswegen?


1997 machte ich zum ersten Mal Radio. Stolz wie Oskar habe ich – frisch von der Schulbank weg – im Aufnahmestudio eines Berliner Privatsenders meinen allerersten Beitrag produziert. Der, das weiß ich heute noch, begann mit den Worten: „Carlos Santana ist eine Legende. Nicht nur in seiner Heimat Mexiko, sondern auch auf den Straßen von Berlin.“ Leider hatte ich damals noch keinerlei Sprecherfahrung, was dafür sorgte, dass meine damalige Kollegin im Studio bei meinem Geleier so einen Lachanfall bekam, dass sie gackernd vom Stuhl aufs Mischpult kippte. Zum Glück hat das bei mir kein Trauma ausgelöst. Im Gegenteil: Ich hatte Blut geleckt. Ich wollte etwas erzählen … und Bitteschön auch gehört werden.


In der Kürze liegt die Würze


Inzwischen sind fast 20 Jahre vergangen. Eine professionelle Sprecherausbildung, ein Volontariat und mehrere Sender später ist die Leidenschaft immer noch da. Und ich weiß mittlerweile auch, worauf es beim Radio ankommt: Inhalt ja – Länge nein – und bitte ans Format halten. Beitrag mit O-Tönen: 1:30 Minuten, Nachrichtenstück: 45 Sekunden, Kollegengespräch: 3 Minuten. In der Kürze liegt die Würze. Oder wie es so schön heißt: „Ist der Redakteur auch fleißig – niemals länger als 1:30.“ Die Zielgruppe ist klar. Radio ist ein Nebenbei-Medium. Der Hörer will beim Frühstück, Autofahren, auf der Arbeit oder auf dem Nachhauseweg kurz und knapp informiert werden, verstehen, mitreden können. Eine Herausforderung an die Radiomacher. Schließlich kann man nur kurz zusammenfassen, was man auch wirklich verstanden hat.



Und trotzdem blutet einem zuweilen das Herz. Dann, wenn man wirklich für ein Thema brennt und eben mal mehr erzählen will. 



Und genau darum finde ich Podcasts toll! Als Hörer und auch als Macher.



Anfang der 2000er erfunden, erfreuen sich On-Demand-Audio- und -Videoblogs zunehmender Beliebtheit; ihre Zahl ist stetig steigend. 7,3 Millionen Podcasthörer in Deutschland hat etwa die ARD/ZDF Onlinestudie 2015 ermittelt. Keine festen Sendezeiten, keine Formate und mit der passenden App immer und überall verfügbar – der Hörer/Internetnutzer hat im digitalen Zeitalter die freie Auswahl. (Radio)hören ist nicht mehr das Knöpfchen am Dudelkasten, sondern der Mausklick in die Welt der unbegrenzten Hörerlebnisse. Wem es um die eigene Lieblingsmusik geht, der braucht sowieso kein Radio mehr. Der zieht sich die Songs aufs mobile Endgerät und gut ist. Wer dagegen auf Wortinhalte setzt, der sucht … und findet inzwischen auch jede Menge Auswahl im Netz.



Radiosender, die am Puls der Zeit bleiben und weiterhin gehört werden wollen, haben das zum Teil bereits erkannt. Ein Thema, das morgens in aller Kürze und Würze abgefrühstückt wird, findet mit etwas Glück später in aller Ausführlichkeit den Weg in die digitale Welt: zum Nachhören und Verstehen, für alle, die gerne etwas mehr wollen. So zumindest wäre es doch wünschenswert – die Möglichkeiten gibt’s schließlich nicht erst seit gestern. 



Leider handhaben es viele Sender immer noch anders. Thema durch – weg damit. Vertane Chance. Ich jedenfalls glaube, dass sie mit dem Weg ins Netz und in die Ausführlichkeit nicht riskieren, dass Hörer abwandern, sondern im Gegenteil, die Hörerbindung sogar noch stärken könnten. 


Ohren auf im Netz – es lohnt sich!


Die Podcasts der Radio- – und natürlich auch Fernsehsender – sind aber nur ein Teil des großen Podcast-Ozeans im Netz. Die finden sich wirklich für alle Bereiche des täglichen Lebens, gemacht vom Schüler über den Experten bis hin zum Radiomacher mit Sinn für digitale Möglichkeiten. Das reicht vom Reisemagazin von geoaudio, bei dem in jeder Folge spannende Reportagen zu hören sind, über Buchbesprechungen und Autoreninterviews vom Literaturcafé bis hin zum Soziopod von Patrick Breitenbach, bei dem er in regelmäßigen Abständen mit seinem Freund und Kollegen Nils Köbel über die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Themen diskutiert und dabei einfach das Mikrofon mitlaufen lässt. Klingt anders – ist es auch. Aber gut ist es auf jeden Fall. Und das sind nur drei von ganz vielen tollen Podcasts, bei denen es sich wirklich, wirklich, wirklich lohnt, sie für eine längere Bahnfahrt aufs Smartphone zu laden, die Augen zuzumachen und einfach nur zuzuhören.


Chance für Unternehmen


Seit 2012 produziere ich für FRESH INFO +++ selbst aktiv das Audiomagazin des eco Verbands, in dem wir jeden Monat ein Thema rund ums Internet beleuchten. Das beginnt bei der Frage, wer eigentlich das Netz regiert, geht über Kriminalität im Internet und virtuelles Arbeiten bis hin zur Zukunft des autonomen Fahrens. Und da gibt es jede Menge zu berichten und nachzufragen. Deshalb sind unsere Podcast-Folgen auch jeweils eine Dreiviertelstunde lang und setzen sich aus ausführlichen Experteninterviews zu unterschiedlichen Themenaspekten zusammen.

Dabei haben wir ein Format entwickelt, das sich an dem Anspruch orientiert, für den wir das Audiomagazin auf die Beine stellen: Neugier zu wecken, Neugier zu befriedigen und Lust darauf zu machen, mit offenen Augen die Möglichkeiten und Herausforderungen der digitalen Welt zu entdecken. Aber auch unser „kleines“ Format erlaubt uns eine Ausführlichkeit, die im klassischen Radio nicht möglich ist. 

Darüber hinaus gibt es eine weitere interessante Möglichkeit für den Einsatz von Podcasts: Viele Unternehmen, Verbände und Institutionen bieten auf ihren Webseiten eine Menge Informationen und Neuigkeiten zu speziellen Themen. Warum denn nicht auch mal zum Hören? Würde das nicht signalisieren: Wir haben die Kompetenz – und das können Sie hier auch hören. Oder – vielleicht noch eine Stufe weiter, wenn man einen Videopodcast produziert – auch sehen. 


Mitmach-Medium für Jedermann


Genau darin liegt der Reiz: Einfach mal anders sein und sich in einer immer schnelllebigeren Welt tatsächlich die Zeit nehmen, in Ruhe und ohne Formatdruck über Themen zu berichten, die der Zielgruppe eben nicht aufgedrückt werden, sondern die sie von sich aus hören will und deshalb auch aktiv anklickt. Jeder kann Podcasten. Was er braucht, ist eine Idee, ein Mikro und die Leidenschaft, das Ganze der Welt mitzuteilen.

Ob es ein vertontes Tagebuch über die Aufs und Abs des Elterndaseins, ein Profi-Tipp, ein Sprachkurs, ein Motivationsmagazin oder ganz profan der Minipod mit dem persönlichen Witz des Tages ist. Warum nicht? Eine Zielgruppe findet sich ganz bestimmt für beinahe jedes Thema. Und wer dabei nicht auf die Reichweite achten muss, kann die ganze Sache noch entspannter angehen. Einfach machen, lautet die Devise.



Nein – Audio-Podcast ist nicht Radio. Und das ist auch gut so. Ich liebe es, „Radio zu machen“ und den Nebenbeihörer auf klassische Weise zu informieren. Genauso stehe ich inzwischen aber auch auf Podcasts. Denn wenn ich etwas zu sagen habe, dann kann ich das hier ohne die klassischen Beschränkungen. Ausführlich, speziell und dennoch fundiert und recherchiert. 






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